Ich bin unsicher. Was ist es, das mich gewiss macht? – „Meine Augen sehnen sich nach deinem Wort” Psalm 119,82

Zum „Auge“: Zum Hebräischen gehört grundlegend, dass es immer von der Beobachtung von Vorgängen ausgeht. Man kann mit den Menschen eine kleine Übung machen, die an das Geheimnis des Auges und damit an den Vorgang des Schauens heranführt. Jede/jeder sucht sich ein Gegenüber und sieht sie bzw. ihn aufmerksam bzw. rezeptiv an. Dann die Augen schliessen. Das „Bild aussen“ ist plötzlich ein „Bild innen“. Das ist der Vorgang. Und darüber hat der antike Mensch immer wieder gestaunt. Aus äusseren Bildern werden innere Bilder. Durch die Augen ‚wandern‘ die äusseren Bilder der Welt in mein Inneres. Und umgekehrt: An den Augen, die klar sein können aber auch trübe, „sehe“ ich, wie es im Inneren des Menschen aussieht: klar oder trüb. … Die Stärke dieses Vorganges liegt darin, dass man die inneren Bilder, die man von jemand oder von etwas hat, immer neu klären kann bzw. klären muss usw. Die Klärung besteht darin, dass ich noch einmal genau hinsehe, also meine Augen bewusst offen halte. — Davon sind all die Urteile und Meinungen zu unterscheiden, die auf nicht wirklich offenen oder nicht mehr offenen Augen beruhen … Dann wird aus einem Erkennen ein blosses Meinen. Und jede/jeder weiss was es bedeutet, wenn mich jemand nicht mehr ansieht, von mir nur noch „meint“ …

Oder: Sich einen Platz aussuchen und ohne jede Absicht „schauen“! Was nehme ich wahr? Wie sieht das aus? Innerlich sage ich mir vor, was ich jetzt sehe … „Ich sehe einen Tisch. Er ist mittelgross. Auf dem Tisch steht eine Schale mit Obst. Das Obst ist frisch, es leuchtet. Alles ist sorgfältig gemacht ….“ In einer solchen Übung kann man lernen, was genaue Wahrnehmung bedeutet. Die genaue Wahrnehmung, die man dann auch wiederholen und damit überprüfen kann, ist das Korrektiv gegen die Verwechslung mit Wunschbildern, Fantasiebildern usw., die mir die Wirklichkeit entweder verklären oder verdunkeln. Leitfrage: „Was sehe ich denn genau?“ In der Wahrnehmung, also durch die Augen (aber auch durch die anderen Sinne!!!), lasse ich die Welt „draussen“ in mein Inneres ein, ohne das sogleich zu beurteilen. Die Augen fragen nur danach, was da „ist“. Sie fragen nicht, was es bedeutet. Das kommt erst später …

Neben das absichtslose, durchaus prüfende Schauen der Augen tritt nun das absichtsvolle Schauen. Meine innere Sehnsucht (so in dem schönen Psalmvers) sucht durch die Augen die Wirklichkeit ab. Das ist wunderbar hebräisch gedacht. Der Beter weiss, dass die Sehnsucht zwar im Inneren wohnt und beginnt, ihre Erfüllung aber draussen in der Wirklichkeit suchen muss. Die Wirklichkeit, nach der sich das Innere sehnt, wird draussen in der Wirklichkeit gesucht, nicht im Inneren. Im Inneren wohnen die Wunschbilder und die Fantasien … Zur Klärung dieser Wunschbilder und Fantasien hilft – und hilft nur! – die immer neue und genaue Wahrnehmung des Äusseren.

Dazu vielleicht noch als Ergänzung: Für den antiken Menschen (und genau so eigentlich auch für uns) ist die Erinnerung gerade kein inneres Bild. Es ist die äussere Wahrnehmung, die im Inneren des Menschen gleichsam deponiert worden ist. Darum gilt es, auch die Erinnerung von Wunschbildern und von Fantasien zu unterscheiden …

In der antiken Erkenntnistheorie beginnt das Erkennen ausnahmslos mit der Wahrnehmung, also mit den Sinnen. Die Sinne holen die äussere Wirklichkeit in das Innere des Menschen. Eine getrübte oder gar eine falsche Wahrnehmung kann nie durch Denken korrigiert werden, sondern immer nur durch erneute und bessere Wahrnehmung. Also noch einmal diese Übung: Ich schaue genau hin und lasse mein Inneres wiederholen, was ich sehe bzw. was es da zu sehen gibt. Was für den antiken Menschen galt, das gilt genau so auch für uns heute. Die Stärke dieser „Erkenntnistheorie“ liegt darin, dass man sich bewusst war, dass Erkenntnis mit der Wahrnehmung einsetzt, ja einsetzen muss. Was ich nicht wahrnehme, nicht wahrnehmen kann oder nicht wahrgenommen habe, das kann ich nicht erkennen. Da liegen die häufigen Verwechslungen. Man hält die eigene Fantasie, also die nicht wahrgenommene Wirklichkeit, für Wahrnehmung. Oder: Man hält sein eigenes Urteil für eine Wahrnehmung. Das kann man leicht weiterführen z.B. im Blick auf die Wahrnehmung von Menschen. Leitfrage: Schaue ich wirklich genau hin? Was ist es, das ich wahrnehme?

In dem Psalmvers sagt der Beter zu Gott, dass seine Wahrnehmung durchaus von Absicht, nämlich von Sehnsucht geleitet ist. Das darf sein. Er möchte aber der Fantasie und den Wunschbildern entgehen. Darum bittet er nicht um ein „inneres“ Wort, nicht um eine Stimmung usw. Die Augen des Menschen – er ist ein glaubender und betender Mensch! – richten sich gerade nicht nach innen. Er wartet nicht auf eine innere Stimmung, eine Tröstung, ein inneres Bild … Seine Augen richten sich bewusst nach aussen. Und so erwartet der Beter/die Beterin das Wort auch „aussen“ …

Nachtrag: Der Beter in Psalm 119 sehnt sich (Vers 82) nach dem „Wort“. Auf Hebräisch steht da ein Wort, das eher den Vorgang des Redens meint, nicht das Ergebnis in einem „Wort“ (einer Vokabel). Etwas pointiert könnte man verstehen: „Meine Augen sehnen sich nach deinem Reden“, also: „Sprich doch endlich (wieder) mit mir.“

Als Illustrations-Text fällt mir der alte Simeon im Tempel in Jerusalem ein (Lk 2,25ff). In seinem Gebet sagt er: „Meine Augen haben dein Heil gesehen …“ (Lk 2,30). Das ist genau derselbe Vorgang, von dem auch der Beter in Psalm 119,82 spricht. Er bekommt von Gott kein inneres Wort, keine innere Stimmung. Er bekommt das Kind zu sehen. Der Grund für wahre Tröstung liegt immer draussen! Drinnen liegt nur das Echo auf unser Schauen nach aussen.

Zum „Auge“: Zum Hebräischen gehört grundlegend, dass es immer von der Beobachtung von Vorgängen ausgeht. Man kann mit den Menschen eine kleine Übung machen, die an das Geheimnis des Auges …weiter lesen

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